Wort auf dem Weg

Ihr sät viel und bringt wenig ein;
ihr esst und werdet doch nicht satt;
ihr trinkt und bleibt doch durstig;
ihr kleidet euch, und keinem wird warm;
und wer Geld verdient, der legt's in einen löchrigen Beutel.
Haggai 1, 6

 

Das sind harte Worte, die Gott durch den Propheten Haggai spricht. Was ist der Hintergrund? Seit knapp 20 Jahren ist das Volk Israel aus der babylonischen Gefangenschaft in die Heimat zurückgekehrt. Man kämpft erst einmal ums Überleben. Wo soll man wohnen? Woher bekommt man Äcker, um sie zu bebauen? Denn das Land ist besetzt von den Menschen, die in Israel geblieben sind, die sich teilweise mit den Babyloniern vermischt haben. Es gilt erst einmal wieder Fuß zu fassen. Überall sieht man noch die Spuren der Zerstörung von damals. Man hat zwar auch mit dem Bau des Tempels angefangen. Aber dann gibt es Probleme mit den Besetzern. Erst einmal ist Baustopp angesagt. Inzwischen darf weitergebaut werden. Aber die Euphorie des Anfangs ist weg.

Ich muss nur noch ….“ nur noch meine eigenen Sachen zu Ende bringen, nur noch etwas mehr Geld verdienen …. Solche Sätze kenne ich nur zu gut. Ich bin Meister darin, Gründe dafür zu finden, warum ich nicht machen kann, was ich machen sollte. Seit Wochen ärgere ich mich über meinen Keller. Ich habe angefangen, einen Schrank auszumisten, wurde gestört – und jetzt wartet das Zeug darauf, dass ich weitermache. Ein Freund von mir ist seit längerem krank. Zweimal hab ich schon zum Hörer gegriffen, ihn aber nicht erreicht. Jetzt steht er auf meiner Anrufliste – aber dabei bleibt es auch.
Es gibt so viel anderes zu tun – Besseres zu tun?

Was meint Gott damit, wenn er sagt: „Ihr esst und werdet doch nicht satt;
ihr trinkt und bleibt doch durstig; ihr kleidet euch, und keinem wird warm;
und wer Geld verdient, der legt's in einen löchrigen Beutel.“?
Ich denke, es ist mehr als ein Aufruf, Geld und Arbeitskraft für den Aufbau des Tempels zu spenden. Es ist ein Aufruf zum Innehalten. Es ist, als sagt Gott: Wenn du nicht für deine Seele sorgst, wenn du nicht meine Nähe suchst, um zur Ruhe zu kommen, dann nützt dir als das Äußere nicht, wofür du arbeitest. Du wirst hungrig bleiben, obwohl du genug Essen hast, deine Kleidung kann deine Seele nicht wärmen, dein Geld ist ausgegeben, kaum dass du es verdient hast. Und trotzdem findest du nicht zu deinem Frieden.

Und in meinem Glaubensleben? Seit Jahrzehnten ist es für mich selbstverständlich, am Sonntag in den Gottesdienst zu gehen. Durch Corona war das über viele Monate nicht möglich. Ja, sicher, ich habe Gottesdienste im Fernsehen angeschaut und im Internet. Und ich bin sehr dankbar für die live-Übertragungen aus unserer Gemeinde. Aber es ist halt nicht dasselbe. Wie gut taten mir die Sonntage, an denen ich bei den Präsenzgottesdiensten dabei war. Ich spüre, wie gut es mir tut, mit Glaubensgeschwistern an der Seite Gott zu loben, zu beten und auf sein Wort zu hören.

Dem Volk Israel sagt Gott durch Haggai: Jetzt, wo ihr an dem Tempel arbeitet, bin ich mit euch! Gott ist da, wenn wir seine Nähe suchen. Wir wissen es aus seiner Zusage zu uns, und manchmal spüren wir es sogar.

von Dorothee Döbler